Über Fluchthilfe

Grenzkontrolle an der Ost-West-Grenze

Hilfe zur Flucht in die Freiheit

Tauchen Sie ein in bewegende Geschichten von Flüchtlingen, die mit Mut und Idealismus Grenzen überwunden haben. Erfahren Sie, wie ihre Taten Hoffnung schenkten und Leben veränderten. Aber auch, wie gnadenlos die Stasi Fluchthelfer und Flüchtlinge verfolgte.

Vortrag von Bernd Lippmann über Fluchthilfe in Halle am 28. November 2012.

Der Vortrag beleuchtet die mutigen Taten der Fluchthelfer, ihren Idealismus und die Herausforderungen, die sie auf dem Weg in die Freiheit für einige DDR-Bürger meisterten. Er zeigt, von welchen Werten sie sich leiten ließen und welche historischen Hintergründe ihr Handeln prägten.

Der Vortrag zeigt auch die Bandbreite bewegender Fluchthilfeschicksale und die Folgen von Verrat. Bernd Lippmann unterstreicht die Bedeutung von Mut und Menschlichkeit.

Als neulich ehemalige Fluchthelfer mit der höchsten staatlichen Auszeichnung der Bundesrepublik, dem Bundesverdienstkreuz, bedacht wurden, empfand ich ein Gefühl der Dankbarkeit gegenüber dem Bundespräsidenten. Diese Empfindung war politisch, nicht persönlich. Ich selbst war nämlich nicht mit Fluchthilfe befasst, habe an anderer Stelle versucht, meine politische Pflicht zu tun. Lange Zeit schien eine solche Ehrung nicht als selbstverständlich, denn die Desinformationskampagnen der SED gegen Fluchthilfeorganisationen wirken bis heute nach.

Ich muss Ihnen nicht erklären, dass Fluchthilfe eine komplizierte und gefährliche Angelegenheit war. Der großen Zahl der Helden unter den Fluchthelfern steht in der heute einigermaßen überschaubaren Bilanz eine kleine Zahl von Kriminellen gegenüber.

Im Übrigen verstanden sich viele Fluchthelfer als linke SED-Gegner, nur wenige als linke Antikommunisten. Die Girrmann-Organisation zum Beispiel neigte eher der SPD zu, die Klöckling-Organisation eher der CDU. Fritze Klöckling, Bernd Wilhelm vom Haus der Zukunft, Konrad Adenauer oder der Ministerialdirektor Hermann Kreutzer, Kurt Schumacher oder Helmut Schmidt, Herbert Wehner, Franz-Josef Strauß oder Rainer Barzel – was waren das für politische Persönlichkeiten! Sie wussten die Ideologie der SED in ihrer Gefährlichkeit zu werten. Damals war ’s, wie der Berliner sagt.

In ihrer Propaganda gegen die Fluchthilfe-Organisationen war die SED insofern ziemlich erfolgreich gewesen, als sie die wenigen Gangster unter den Fluchthelfern und ihre Methoden als charakteristisch für die Fluchthilfe und die Organisationen herausgestellt hat. Die Bezeichnung KMHB = „Kriminelle Menschenhändlerbande“ ist kennzeichnend. Die Freilassung politischer Häftlinge gegen geldwerte Leistungen aus dem Westen begründete und begründet (!) die SED mit einer Notwendigkeit, Ausbildungskosten zu erstatten. Davon, dass die SED die Begleichung dieser Kosten gegen die Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR angeboten hätte, ist jedoch nichts bekannt. Pure Heuchelei zwar, jedoch nicht wirkungslos. Sie hat dieses Geschäft nie angeboten.

Die Ehrung vieler Fluchthelfer 2012 ist ein Anfang, moralisch im öffentlichen Bild die richtige Relation herauszustellen.
Häufig wird in der Beurteilung zwischen der rein idealistischen Fluchthilfe und der kommerziellen unterschieden. Auch hier wurde in der Öffentlichkeit so manch falsches Bild erzeugt. Fluchthilfe erforderte immer größere Professionalisierung, und die kostete Geld. Wie auch in anderen Zusammenhängen gelang es der SED und ihren ideologischen Kostgängern im Westen, Geld als etwas Schlechtes erscheinen zu lassen. Gut in ihrer Logik war eben nur das Geld, das sie selbst beanspruchten.

Die zahlenmäßig größten Opfer mussten die rein idealistisch, wenig professionellen Gruppen beklagen. In der Mauerzeit 1961 bis 1989 wurden mehr als 800 Personen aus fast drei Dutzend Nationen in der DDR inhaftiert. Ende der 70er und in den 80er Jahren scheiterten etwa 70% aller mit Fluchthelfern realisierten Fluchtversuche. Pro Jahr (ohne 1973) waren etwa 250 Fluchtoperationen von Erfolg gekrönt. Im Jahr 1973 waren es etwa 1000, denn nach dem sogenannten Transitabkommen vom Dezember 1971 und dem Grundlagenvertrag zwischen den beiden Staaten in Deutschland ein Jahr später wurden die Kontrollen eine zeitlang stark gelockert. Die Situation lud gleichsam dazu ein, auf dem Parkplatz Personen in den Kofferraum steigen zu lassen.

Naheliegenderweise hat das MfS Gegenmaßnahmen ergriffen, um der Fluchtbewegung entgegenzuwirken mit dem Ziel, ihrer Herr zu werden. Dies gelang der Stasi auch im Wesentlichen. In den späten 70er Jahren und den 80er Jahren war es dann extrem schwierig, über die Interzonenstrecken zu flüchten. Zudem wurde das Strafmaß für Fluchthilfe (§ 105) auf ,,Lebenslänglich“ heraufgesetzt. Maßgeblich ist der Erfolg des MfS auf die Bündelung der Operationen gegen Fluchthelfer in der 1975 gegründeten ZKG, die gemäß dem vertikalen Prinzip ihre Ableger als BKG in den Bezirksverwaltungen hatte, zurückzuführen. Mitarbeiter der Linie Koordinierungsgruppe hatten mit 83% Fachschul- oder sogar Hochschulabschluß ein sehr hohes Ausbildungsniveau.

Die Bekämpfung von Flucht und insbesondere Fluchthilfe dürfte für die SED-Führung neben der Wirtschaftsspionage gegen die Bundesrepublik das wichtigste Aufgabenfeld des MfS gewesen sein.
Methoden der ZKG zur Bekämpfung der Fluchthilfe waren vielgestaltig. Von der Zusammenarbeit mit den als Grenzern getarnten MfS-Leuten der Linie VI in den Grenzübergangsstellen bis zur Vorfeldaufklärung in Zusammenarbeit mit der Linie XX ist das Spektrum breit.

Laut Befehl 9/66 und 10/66 war die Linie XX ursprünglich ,,federführend“.
Bezeichnend ist der Titel einer schriftlichen Arbeit des Stasi-Mannes Helmut Fischer von der Abteilung 5 der HA XX: ,,Banden des staatsfeindlichen Menschenhandels“. Die Abteilung XX/5 war eine der Diensteinheiten, die in den Westen arbeiteten, und zwar vor allem gegen Organisationen ehemaliger DDR-Bewohner. Insbesondere der Arm der ZKG reichte in den Westen. Auch hier ist damit die Unterabteilung 5 bezeichnet, also die ZKG/5. Fluchthilfeorganisationen wurden durch Spitzel unterwandert, ihre leitenden Personen wurden mittels der aus der DDR als Zersetzung bekannten Methode diffamiert.

Der IM ,,Günther Frank“ wurde von der HA VI, also der Diensteinheit, die für „Verkehr und Touristik“ zuständig war, angeworben. Später spitzelte er für die Abteilung Terrorabwehr, also die XXII. Der Busfahrer ,,G. Frank“ trat in BVG-Uniform in Bezirksämtern unter den Besuchern aus dem Osten in Erscheinung.

Viele sahen in ihm eine staatliche Respektperson, so dass er die alten Leute aushorchen konnte. Sein besonderes Verbrechen aber war die Tötung eines Menschenrechtlers aus dem Fluchthilfe- Milieu. Während seiner Haft in Tegel holten Mittelsleute noch viele Tausend DM bei der Stasi ab, – ein bemerkenswerter und völlig ungewöhnlicher Vorgang. Sein Führungsoffizier war zuletzt Oberst Harry Dahl von der XXII, den IM ,,G. Frank“ als „Herr Lorenz“ kannte. Dahl war im Übrigen auch für Terroristen aus der Bundesrepublik, die Zuflucht in der DDR fanden, zuständig.

Entführungs- und Mordpläne gegen Fluchthelfer sind bis in die 80er Jahre zu konstatieren. Dabei denke ich an den Hammer-Mordplan der HA I aus den 60ern gegen den Fluchthelfer Rudi Thurow, später an den Buletten-Plan der HA VI gegen Wolfgang Welsch, der einer der effektivsten Fluchthelfer war. Der eingesetzte Spitzel wurde verurteilt, jedoch konnte der auftraggebende General in der Untersuchungshaft Selbstmord begehen.

Auch an die Ermordung von Michael Gartenschläger durch eine Killertruppe der HA I ist zu denken, ebenso wie an die Anschläge gegen Kay Mierendorff oder Julius Lampl. Ungeklärt ist immer noch der Mord des wohl effektivsten Fluchthelfers Hans Lenzlinger. Der Mordplan gegen Rudi Thurow und die Tötung Michael Gartenschlägers waren im Abstand von etwa 15 Jahren jeweils das Werk des Stasi-Generals Karl Kleinjung von der HA I, zuständig für Militär und Grenztruppen.

Ich erinnere mich noch deutlich eines Gespräches mit Gartenschläger bei Rainer Hildebrandt, kurz vor seinem Tod. Hildebrandt redete auf ihn ein, flehte ihn gleichsam an, weitere Aktionen an der Grenze zu unterlassen. Man hatte doch schon ein SM 70-Gerät, also eine Selbstschussanlage, die bei Aktivierung scharfkantige metallige Gegenstände herumschoß. Menschen wurden verletzt oder getötet, viele Tiere ebenso. Gartenschläger ließ sich aber nicht beirren. Und so lief er in die Falle. Offenbar befand sich ein Verräter in seiner Bekanntschaft, bis heute ist er nicht enttarnt.

Von Zersetzungsmaßnahmen bis zu nackter Gewalt reichte das Spektrum der Operationen des MfS gegen Fluchthelfer.
Einige der eingesetzten Spitzel sollen genannt werden:

  • „Franz Fischer“,
  • „Udo“,
  • „Hardy“,
  • „Herbert Hildebrandt“,
  • „Journalist“,
  • „Luft“.

„Journalist“ war kein Journalist, aber „Luft“ war einer. Decknamenpsychologie: „Brian Jones“ war ein Anhänger der Rolling Stones, er spitzelte in Redaktionen, die Kontakte zu Fluchthelfern hatten.

Der IM „Falke“, übrigens ein Falkner, flüchtete aus der DDR. Nach der Flucht krallte sich die Stasi sein Haus, das als Liebesnest der HVA für Agenten auf Urlaub diente. Eines Tages plagte ihn das Heimweh. Mit der Verpflichtung als IM erkaufte er sich die Einreisegenehmigung nach Thüringen. Da er eine Autowerkstatt im Westteil Berlins, und zwar im Wedding, unterhielt, war er für die Fluchthelfer-Jäger der Stasi interessant. Sein Führungsoffizier war dementsprechend ein leitender Funktionär der Berliner Koordinierungsgruppe (BKG der BV Berlin). Durch Sonderkonditionen beworben, brachten Zielpersonen der Stasi ihr Auto in diese Werkstatt.

Einer aus der Heerschar der Spitzel hieß sogar Miehlke, allerdings mit h. Der IM „Udo“ (Jürgen Miehlke) spitzelte gegen Fluchthelfer aus der Freien Universität Berlin. In seinem Personalausweis steht dennoch „Mielke“. Das „h“ sollte wohl vom Stasi-Anführer ablenken. Eine Verwandtschaft bestand jedoch nicht.
Es gibt mehr Mielkes, als man denkt. Eine sehr vieldeutige Anmerkung. Auch er im Übrigen ursprünglich ein Flüchtling, jedoch vermutlich mit Gänsefüßchen. Also eingeschleust, Ende 1960.

IM ,,Fred“ wollte und sollte Detlef Girrmann entführen oder umbringen, Hasso Herschel war Zielperson von „Arno Vogel“. „Franz Fischer“ war sogar Mitglied der SEW, was natürlich die Fluchthelfer, auf die er „angesetzt“ war, nicht ahnten.
IM „Friedrich“, ein Kraftfahrer, saß wegen Fluchthilfe lange Zeit in DDR-Haft. In der Haft wurde er für das MfS angeworben, zunächst für die Linie VII, sodann für die XX. Nach der Rückkehr in den Westen schlich er sich wieder in ,,seine“ Fluchthilfe-Organisation ein. Vom Berliner Kammergericht erhielt er eine hohe Freiheitsstrafe. Derartige Fälle werden zur Zeit im Rahmen einer Doktorarbeit untersucht.

Von den Linien XX/5 und VI wurden die IM „Carola“ und „Streit“ geführt, sie bespitzelten die Fluchthelfer-Szene von Gruppen ehemaliger DDR-Bewohner ausgehend. Die Stasi interessierte sich für „Rückverbindungen“, die dann in Fluchthilfe-Vermittlungen mündeten. „Carola“ und „Streit“ berichteten im Jahr 1987 über einen Vortrag zu „Gorbatschow“, gehalten von einem freien Mitarbeiter der BfgA (Gesamtdeutsches Institut) vor ehemaligen DDR-Häftlingen und anderen Interessierten.

Die Spitzel meldeten unabhängig, dass der Referent das Ende des Kommunismus in Russland prophezeite, falls Gorbatschow sich durchsetzen könne. Das ließ an Andrè Amalrik denken, der 1970 für das Jahr 1984 das Ende der Sowjetunion als kommunistischer Staat prognostizierte. Er irrte sich um nur sechs Jahre. Und er wurde damals in der Sowjetunion hart bestraft. Es lohnt auch heute, seine Begründung zu lesen: „Kann die Sowjetunion das Jahr 1984 erleben?“ (oder ähnlich).

IM„Backhaus“, ehemaliger Haftkamerad eines Fluchthelfers in Bautzen II, sollte diesen in den Grenzbereich locken, damit er „unschädlich“ gemacht werden könne. Nun, das Ende der DDR kam dazwischen. Die Befehlsstrukturen waren Geschichte.
Unter West-Berliner Polizisten gab es so manchen Unterstützer für Fluchthilfe-Aktionen, insbesondere in den 60er Jahren beim Tunnelbau. Leider aber auch fand das MfS in der Polizei im Westen willige Mitläufer, und zwar auch in den 80er Jahren. Denken Sie etwa an den Fall Kurras aus den 60er und 70er Jahren. Es ist klar, dass dies für die Fluchthelfer gleichsam „tödlich“ war.

Lassen Sie mich zum Schluss noch eine der vielen besonders interessanten Fluchthilfe-Operation erwähnen. Ich habe sie der paradox wirkenden Situation wegen ausgewählt.

Die SED-gestützte westdeutsche VVN organisierte für den Dezember 1984 eine Klassenfahrt für Schüler einer 11. Klasse aus Marburg in die DDR. Auf der Rückfahrt versteckten die Schüler einen Flüchtling, was die kommunistisch-affinen Lehrer nicht bemerkten. Natürlich wurden die Genossen Lehrer mit ihren Schülern nicht wie üblich kontrolliert. Dieses Beispiel für Mitmenschlichkeit und Hilfsbereitschaft auch unter bewusster großer Gefahr ließ damals gleichsam auf die Jugend hoffen. Raten Sie mal, wie die Geschichte nach gelungener Fluchthilfe und gelungener Flucht weiterging! Die Marburger Schulbehörde machte Anstalten, die beteiligten Schüler zu bestrafen. Vom ,,Marburger Schulskandal“ spricht man seitdem.

Fluchthelfer entstammten allen sozialen Schichten, viele berufliche Profile waren vertreten. In den 60er Jahren wurden Tunnel in Berlin von Ingenieurstudenten der TU gebaut, Jura-Studenten wie Matthias Bath (heute Staatsanwalt), Unternehmer wie Hartmut Richter oder Lehrer wie Klemens Niemann, auch Pfarrer sind zu nennen, wenn von den Helden der Fluchthilfe die Rede ist. Einer der ersten Astronauten Deutschlands, der Physik-Professor Reinhard Furrer, war in seiner Studentenzeit Tunnelbauer. Allein die namentlich bekannten Fluchthelfer, die es zu ehren gilt, könnte ich im Rahmen der mir zur Verfügung stehenden Zeit nicht aufzählen.

Der Arzt und ehemalige Spitzen-Fluchthelfer Burkhart Veigel soll das letzte Wort meines Vortrages haben. Ich habe große Hochachtung vor diesen Leuten, ich selbst war kein Fluchthelfer, höchstens nur in großer Näherung. Eher müsste ich jetzt auf Melanie Weber aus Freiberg eingehen, die sich für die Freiheit ihr unbekannter Gefangener in Bautzen eingesetzt hat. Aber jetzt Dr. Veigel:

„Wir studentischen Fluchthelfer haben mehr investiert in die Freiheit unserer Brüder und Schwestern als die ganze Stiftung, als der gesamte Senat zusammen.“

Der Bundespräsident hat dies wohl auch so gesehen. Wie kaum ein anderer kennt Dr. Gauck die Verzweiflung vieler Menschen in der DDR, die sich eingesperrt fühlten. Und damit die Leistung, die meist mit der Fluchthilfe verbunden war. Politisch, moralisch, menschlich.

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Dieser Abschnitt beleuchtet die „Republikflucht“ und die mutigen Fluchthelfer und ihre außergewöhnlichen Taten, die Freiheit zu ermöglichen.

Buchtitel Wege durch die Mauer

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Buchtitel DIe Stasi, Orwell und ich

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