Horn-Hanisch Ehrung und die Olympische Erziehung

Zwei große Ausnahmesportler im Zeichen der Werte des Olympischen Gedankens.

Tauchen Sie ein in die Welt der Berliner Postsportler Erich Hanisch (hinten) und Willi Horn (vorne) und der Olympischen Erziehung und erfahren Sie, wie ganzheitliche Ansätze zur Persönlichkeitsentwicklung beitragen und mehr als nur sportliche Leistungen ermöglichen.

Willi Horn (vorn) und Erich Hanisch (hinten)

Zu den Olympischen Spielen 1936 in Berlin-Grünau:

Neben der Silbermedaille von 1936 erhielten Horn und Hanisch 1953 vom Deutschen Kanu-Verband (damals in Wuppertal) eine Urkunde und die Silberne Olympianadel des Nationalen Olympischen Komitees. Sie trugen diese Nadel mit Stolz und erzählten immer wieder jungen Sportlern von ihren Wettkampferlebnissen.
Horn und Hanisch praktizierten olympische Erziehung, verstanden als Lern- und Erziehungsprozess, als ständige Arbeit an der harmonischen Vervollkommnung der Persönlichkeit. Dahinter verbirgt sich eine bestimmte Form der Charakterhaltung. Die angestrebte Selbstvervollkommnung der Persönlichkeit lässt sich am besten mit einem Wort Pierre de Coubertins beschreiben:

„Das Wichtigste im Leben ist nicht der Triumph, es ist der Kampf, das Wesentliche ist, nicht gesiegt, sondern sich wacker geschlagen zu haben. Diese Regel weit verbreiten, heißt die Menschheit tapferer und stärker und dennoch edelmütiger und feinfühliger zu machen.“

Start zum 10km-Faltbootrennen am Seddinsee, Olympiade 1936 in Berlin
Start zum 10km-Faltbootrennen am Seddinsee, Olympiade 1936

Die Würdigung von Willi Horn & Erich Hanisch

Die Besiedlung Köpenicks durch Kanuten ist wesentlich jünger als die Stadt selbst. Sie entstand als neue soziale Bewegung in der Reformzeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Die Verbindung der Dynamik von Athletik und Boot mit den Einflüssen der natürlichen Umgebung – Wasser, Wind und Sonne – übte eine große Anziehungskraft aus. Diese Kombination macht auch heute noch den Reiz des Kanusports aus.

Mit der technischen Lösung des Faltbootbaus im Jahre 1907 verbreitete sich der Kanusport vor allem in Nord- und Mitteldeutschland. Auch Ruderer stiegen auf das Kanu um, da es auf den Flüssen weniger Platz beanspruchte und keine Mannschaft erforderte. Eine Kampfspielregatta in Berlin-Grünau am 11. Juni 1922 löste eine unerwartete Begeisterung für den Kanusport in Berlin aus. So war es nur folgerichtig, dass auch im damaligen Postsportverein eine Kanuabteilung gegründet wurde: „Am 30. Juni 1925 fanden sich zehn Mitglieder mit fünf Booten zu einer kleinen Gemeinschaft der Kanuabteilung zusammen.“ (Gründungsprotokoll). Am Ende des Gründungsjahres zählte die Kanuabteilung stolze 54 Mitglieder und 20 Boote.

Im Jahr 1929 traten zwei 20-jährige Telegrafenarbeiter in den Postsportverein ein, die schon bald beachtliche Erfolge erzielten. Hanisch betätigte sich zunächst als Radrennfahrer, erkannte aber dann seine besondere Vorliebe und Stärke für das Kanufahren.

Die beiden, Erich Hanisch (28.03.1909-26.12.1985) und Willi Horn (17.01.1909-31.05.1989), wurden ab 1932 fünfmal Deutsche Meister im Zweier-Faltbootkajak (F2) und setzten diese Erfolge zehn Jahre lang fort, unter anderem mit einem Europameistertitel und einer Silbermedaille bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin-Grünau.

Erich Hanisch und Willi Horn stammten aus Arbeiterfamilien und hatten in ihrer frühen Kindheit keinen Bezug zum Kanusport. In seinem Tagebuch schreibt Erich Hanisch:

„Bei einem Schulausflug zu den Müggelbergen war ich nur mit Liebe und guten Worten zu bewegen, in das Fährboot zu steigen, denn ich konnte mir nicht denken, daß so ein Boot 30 Schulkinder tragen konnte.“.

Doch als Erichs Eltern nach Grünau zogen und dort eine Wassertankstelle betrieben, entdeckte er den Wassersport für sich. Mit 12 Jahren kaufte er sich sein erstes Boot, mit 15 ein richtiges Faltboot der Firma Klepper, später gab er noch einmal 320 Reichsmark für ein Amansisboot aus.

Und mit der Lust an den Wettkämpfen wuchs die Erfahrung, dass Siege nur durch Training und nochmals Training zu erringen sind.
Seinen langjährigen Sportkameraden Willi Horn kannte Hanisch vom Telegraphenbauamt Berlin. Zuvor waren sie mehrere Jahre als Postbetriebsarbeiter im Postzeitungsamt Berlin tätig gewesen.

Die beiden Jungs trainierten im Postsportverein und wussten, dass sie sich aufeinander verlassen konnten. Das zahlte sich bei den Deutschen Meisterschaften 1932 in Passau aus, als Horn mitten im Rennen kurzzeitig von Magenkrämpfen geplagt wurde. Hanisch paddelte für zwei, und so holten sie trotzdem den Sieg. Zum ersten Mal wurden sie von der Presse fotografiert und interviewt, sie wurden zu Stars, blieben aber bescheiden im Auftreten und zäh im Kampf um weitere Erfolge.

Im Postsportverein gab es damals allerdings auch Querelen. Zitat aus Hanischs Tagebuch von 1934:

„So schwer wie Gewitterwolken am Himmel hängen, so schwer hängen die Wolken über unserem Sportbetrieb im Post-Sportverein Kanu-Abteilung. Eine schwüle drückende Stille. Der Trainer, Fritz Flemming, ist wegen Meinungsverschiedenheiten aus dem Verein gegangen. Auch hat er mehrere Kameraden mitgenommen, in dem Glauben, die Kanu-Abteilung wird nun untergehen. Die Ratten verlassen das Schiff, so kann man es bei uns auch sagen. Keiner hatte mehr Lust zum trainieren. Mit Kamerad Horn war ich auch nicht ganz einig. Und zu allem Überfluß erklärte der Vorstand, dass der Rennsport überflüssig sei. Aber auch das ging vorüber, auf Regen folgt Sonnenschein. Mit Kamerad Horn wurde ich einig und wir zogen wieder frisch und fröhlich in den Kampf.“

Die beiden Sportler schätzten Trainer Flemming sehr, hatte er ihnen doch die Tricks und Kniffe erfolgreicher Rennkanuten beigebracht. Aber auch das Prinzip der Fairness. Als Hanisch bei einem Rennen seinen Nachbarn wegen einer Motorbootwelle behinderte, wurde er vom Wettkampf ausgeschlossen. Das ärgerte ihn sehr, denn er wollte immer fair zu seinen Gegnern sein. Sie sind in den 30er Jahren die Allerbesten ihrer Sportgattung. Horn fuhr vor 1932 mit Flemming, nach 1938 mit Jakobitz.

Bei der Langstreckenregatta auf dem Tegeler See gewann das Team Horn-Hanisch eine schöne Hansa-Kogge. Viele Jahre schmückte die Kogge das Bootshaus des PSV, heute PSB 24, in der Grünauer Straße 193. Vor fast 90 Jahren, bei den Olympischen Spielen 1936 in Grünau, lieferte sich das Team Horn-Hanisch im Zweier-Faltboot (F2) mit seinen Rivalen den spannendsten aller Kanu-Wettkämpfe. Zitat aus einem zeitgenössischen Bericht der Sportpresse:

„Wer bisher noch der Meinung gewesen, daß der Kanusport kein Kampfsport ist, wird diese Ansicht sehr schnell revidiert haben.“

Das Originalboot dieses Wettkampfes kann im Wassersportmuseum Grünau besichtigt werden.
Wenige Wochen nach den perfekt organisierten Spielen und der kurzen Illusion einer toleranten Gesellschaft ging in Deutschland die Jagd auf Andersdenkende und die Vertreibung der Juden weiter. Auch die Familie Hanisch war davon betroffen. Eine Schwester Erichs wanderte mit ihrem jüdischen Mann nach Kanada aus. Der Kontakt zur Familie riss ab.

Nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen Willi Horn und Erich Hanisch ihre sportlichen Aktivitäten wieder auf. Hanisch hat seine Erfolge zwischen 1930 und 1954 akribisch aufgezeichnet. Er zählte 58 erste, 22 zweite, 13 dritte und 2 fünfte Plätze. Er war neunmal Berliner Meister, fünfmal Deutscher Meister, einmal Europameister und Olympiazweiter.

Während Willi Horn die DDR-Nationalmannschaft trainierte und als Sportlehrer in Köpenick tätig war, arbeitete Erich Hanisch ab 1952 bis 1976 als Heimleiter und Trainer im Bootshaus in der Grünauer Straße 193, das inzwischen von der BSG Post (Betriebssportgemeinschaft) genutzt wurde. Horn und Hanisch widmeten sich bis Ende der 50er Jahre dem gesamtdeutschen Sport.

Als Trainer waren sie hart. Sie gaben stilistische Anweisungen bis ins kleinste Detail und begleiteten die jungen Kanuten oft selbst im Boot auf dem Wasser. Zum Anreiz gehörte, in die nächst-höhere Leistungsklasse aufzusteigen. Ein weiterer Grundsatz war, im Training mindestens die doppelte Wettkampfdistanz zu fahren. Bei einem Rennen über 42 km waren das fast 90 km an einem Tag: drei Runden Dahme-Spree-Müggelsee-Seddinsee-Langer See… uff!

Die BSG Post ehrte Erich Hahnisch dafür, dass er viele Leistungssportler zu Erfolgen geführt und dazu beigetragen hat, die Sektion Kanu zu einer führenden Sektion in der DDR zu entwickeln. Er wurde mit der Goldenen Ehrennadel der BSG ausgezeichnet und 1976 nach Beendigung seiner Tätigkeit zum Ehrenmitglied ernannt. 1981 zog er zu seiner Tochter nach Lichtenrade in West-Berlin. Das Bootshaus in Köpenick hat er nie wieder betreten. Er starb 1985.
Willi Horn starb bei einem tragischen Autounfall am 31.05.1989.

Ergebnisse des 10 km Faltbootrennens bei der Olympiade in Grünau, 1936
Ergebnisse des 10 km Faltbootrennens bei der Olympiade in Grünau, 1936

Bord-an-Bord-Kampf bis ins Ziel

Reportage vom Olympiarennen des Zweiers Horn-Hanisch

Den Verlauf des olympischen Rennens, das Willi Horn und Erich Hanisch am 7. August 1936 im Faltbootzweier über 10.000 Meter bestritten, beschrieb der damalige Propagandawart der Kanu-Abteilung, Kam. Wittenberg, in Nr. 6/1936 der „PSB-Nachrichten“:

„Fertig machen zum Rennen 2, Faltbootzweier“, ertönt die Stimme des Vorstandes und 13 Mannschaften, die um den olympischen Sieg kämpfen wollen, begeben sich in ihren Booten an den Startsteg, der von Pionieren am Ende des Seddinsees ausgelegt worden ist. Bunt leuchten die Trikots der verschiedenen Ländermannschaften. Aber jede Farbe ist nur einmal vertreten, da jedes Land nur eine Mannschaft stellen darf. Dreizehn Nationen, Luxemburg, Großbritannien, Ungarn, Schweden, Belgien, Schweiz; Canada, Deutschland, Jugoslavien, Holland, U.S.A., Tschechoslowakei und Oesterreich stellen sich dem Starter. Die deutsche Mannschaft hat Startnummer 8, liegt also mitten im Feld.

Inzwischen sind die Boote ausgerichtet worden. „Meine Herren sind Sie fertig?“ „Los“ klingt das Kommando des Starters. Die rote Startflagge saust nach unten. Und in einem Höllentempo gehen 13 Boote auf die 10 km lange Reise. Jeder ist bestrebt schnell an die Spitze und vom Rudel los zu kommen, denn der Kurs führt vom Seddinwall halbrechts zur Seddinsee-Ecke. Den günstigsten Startplatz haben die Oesterreicher erwischt, die auf der rechten Außenbahn liegen. Neben dem deutschen Boot liegen Jugoslavien und Canada, die ein Anfangstempo wie zu einem 1000 m Rennen vorgelegt haben.

Der Schiedsrichter muß häufig eingreifen, um Behinderungen der Boote, die alle nach rechts drängen, zu vermeiden. Aber alles geht klar. Die deutsche Mannschaft muß kräftig spurten um klar Wasser zwischen sich und ihre beiden Nachbarn zu bringen und geraden Kurs auf die Seddinsee-Ecke halten zu können. Jugoslavien hält längere Zeit das Tempo und macht es unserer Mannschaft schwer, vom Felde los zu kommen. Die schwedische Mannschaft hat es leichter. Ihre Nachbarn sind dem Tempo nicht gewachsen und fallen bald zurück, so daß die schwedische Mannschaft ohne viel Kraftvergeudung zur Spitze gelangt.

Endlich ist auch die deutsche Mannschaft frei und erreicht an der Seddinsee-Ecke, wo bereits das Schiedsrichterboot liegt und darauf achtet, daß kein Boot auf die Boje gedrängt wird, die Spitzengruppe. Es führen Oesterreich und Schweden mit einer sehr hohen Schlagzahl. Links von der schwedischen Mannschaft gehen jetzt Horn-Hanisch mit einem Zwischenspurt an das führende Feld heran.

Doch Schweden und Oesterreich erkennen die Gefahr und legen gleichfalls einen gewaltigen Zwischenspurt ein. Schwer muß unsere Mannschaft kämpfen, um aufrücken zu können. Nach etwa 3 1/2 km liegen sie mit Schweden auf gleicher Höhe. Oestereich ist etwas zurückgefallen und kann das wahnsinnige Tempo nicht halten. Inzwischen ist Holland aufgerückt und nimmt sofort mit den Oesterreichern den Kampf um den dritten Platz auf. Zwischen den ersten 4 Booten und dem übrigen Feld liegt bereits ein Raum von etwa 150 Metern.

Horn-Hanisch, die sich inzwischen von ihren vielen Spurts, die sie einlegen mußten, um vom Feld frei und an die Spitze zu kommen, erholt haben, gehen erneut zum Angriff über. Sie verschärfen plötzlich das Tempo und können sich etwa eine Länge von Schweden frei machen. Diese sind sich jedoch bewußt, daß nur zwischen Deutschland und Schweden die Entscheidung liegen kann, und beantworten den Angriff unserer Leute ihrerseits mit einem Spurt, der sie wieder an das deutsche Boot heranbringt. 7 bis 8 m neben Horn-Hanisch liegend, kämpfen sie sich heran, so daß der Vorsprung unseres Boots nur noch 1 bis 2 m beträgt.

Beide Boote fallen auf Streckentempo zurück. Die Schweden mit schnellem hohen Schlag, die Deutschen mit längerem, flacheren Schlag. Beide Boote haben dasselbe Tempo. Vom Begleitboot läßt sich nicht unterscheiden, welches Boot in Führung liegt. Man sieht nur an der sich immer wieder erhöhenden Schlagzahl, daß beide Boote, immer im gleichen Abstand nebeneinander liegend, um die Führung kämpfen.

Nach kurzer Zeit versucht die deutsche Mannschaft nochmals die Gegner abzuschütteln. Wieder wird der Spurt mit einem Gegenspurt beantwortet und nichts ändert sich im Ergebnis. Zentimeterweise machen die Schweden Boden gut. An der Bammelecke gibt es wieder einen Spurt beider Mannschaften. Die Schweden lassen nicht locker. Inzwischen ist die abgesteckte Regattastrecke erreicht. Noch 2 km bis zum Ziel. Beide Mannschaften. versuchen das Letzte. Aber es haben sich zwei gleichwertige Gegner getroffen. Noch immer fahren die Schweden ihren schnellen Schlag. Jetzt liegen beide Boote auf gleicher Höhe.

Die Führung, soweit man überhaupt von einer Führung sprechen kann, wechselt. Beide Boote erhöhen jetzt nochmals die Schlagzahl. Die Schweden setzen den ganzen Körper ein. Das Boot schwankt nach rechts und links. Das Geschrei der Zuschauer spornt beide Mannschaften immer stärker an. Es ist ein mörderischer Kampf und als beide Boote das Ziel passiert haben, herrscht plötzlich tiefe Stille. Wer ist der Sieger?

Da ertönt der Lautsprecher. „Sieger Schweden mit 3/10 Sekunden Vorsprung vor Deutschland.“ Das härteste Rennen des Tages ist entschieden. Beinahe 3 Minuten besser ist die Zeit unserer Mannschaft (als) bei den deutschen Meisterschaften auf der gleichen Strecke, die auch im Bord-an-Bord-Kampf ausgetragen wurde.
Ganz knapp mußte sich unsere Mannschaft geschlagen geben, die durch ihren schlechten Startplatz gezwungen war, vom Startkommando bis zum Ziel Spurt an Spurt zu reihen. Sie haben Großes geleistet, und nur das Körnchen Glück, das nun mal zu jedem Sieg erforderlich ist, war diesmal beim Gegner.

Wir sind stolz auf unsere Kameraden, die das letzte gegeben und für Deutschland die Silbermedaille erkämpft haben, und wir sind besonders stolz darauf, daß beide Kameraden aus unserer Mitte aufgewachsen sind und alle die Jahre hindurch fest zu uns hielten, als Anfänger, Junioren, Senioren, deutsche Meister, Europameister und als Olympia-Sieger.“
(Die Schreibweise des Originals wurde beibehalten)