Inoffizielle Mitarbeiter für die Staatssicherheit der DDR

Buch von Bernd Lippmann "Die Stasi, Orwell und Ich"
Das Buch des Autors ist bei Amazon erhältlich

Ergründen Sie die vielschichtigen Rollen der Inoffiziellen Mitarbeiter der Stasi.


Ein Vortrag von Bernd Lippmann vom 7.9.2009, aktualisiert im Januar 2026. Dieser Vortrag erläutert die Bedeutung der sogenannten Inoffiziellen Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR und untersucht ihre vielfältigen Funktionen und Einflüsse im historischen Kontext.
Als Quellen dienten Veröffentlichungen von Prof. Dr. Helmut Müller-Enbergs, Dr. Georg Herbstritt, Dr. Tobias Wunschik und eigene Recherchen

Der Text zum Vortrag erhebt nicht den Anspruch, formal wissenschaftlich zu sein. Zitate werden meist nicht als solche gekennzeichnet, auf Quellenangaben wurde im Detail verzichtet.

1. Umfassender Einblick in zentrale Aspekte der IM-Tätigkeiten

Der größte Lump im ganzen Land ist und bleibt der Denunziant.“

Dieses geflügelte Wort ist fast jedem bekannt, der die Nazizeit durchlebt hat. Und auch diejenigen, die die DDR-Zeit miterleben durften. In meinem Vortrag geht es um sogenannte Inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. Diese Menschen waren zwar inoffizielle Mitarbeiter des MfS, doch in welchem Ausmaß sie als Denunzianten verstanden werden können, müsste untersucht werden.

Zwar ist die Vermutung, dass dies auf fast alle zutrifft, nicht von der Hand zu weisen, jedoch gab es auch Menschen, die sich verweigerten, aber dennoch als IM in den Akten geführt wurden. Solche Grenzfälle und die gesamte moralische Dimension möchte ich hier nicht vertiefend behandeln. In meinem Vortrag geht es ausschließlich um die Vermittlung von sachlichen Informationen zum Thema. Bewertungen müssen individuell getroffen werden, denn es kommt immer auf den speziellen Fall an.

In meinem letzten Buch „Die Stasi, Orwell und ich“ (2025) habe ich drei schwerwiegende IM-Fälle („Otto Müller“, „Günter Frank“ und „Sylvia“) näher beleuchtet.

ist die Anzahl der registrierten IM im Jahr 1989


Die Gesamtzahl von 1950 bis 1989 dürfte etwa 620.000 betragen haben.

Anteil der Frauen als IM

Dieser Wert zeigt, wie hoch der Anteil weiblicher Inoffizieller Mitarbeiter im MfS war. Unter den im Westen eingesetzten Stasi-IM war der Frauenanteil mit 28 % höher.

IM-Kategorien

Diese Kennzahl gibt die verschiedenen vom MfS definierten Kategorien von Inoffiziellen Mitarbeitern an.

Operationsgebiete

Diese Beschreibung umfasst die Hauptregionen, in denen IM, insbesondere in der BRD, aktiv waren.

Buch von Helmut Müller-Enbergs über Inoffizielle Mitarbeiter des MfS
Eine ausführliche Untersuchung in 2 Bänden von Helmut Müller-Enbergs

Die düstere Welt der Stasi-IM

Solche Menschen stellten für die Stasi das Hauptwerkzeug dar. Volkstümlich ausgedrückt war es ein Heer von Spitzeln. Auch im Volksmund wurde von Treppenterriern gesprochen, im Englischen verwendete man die Bezeichnung Imbedded journalists oder X-Man.

Auch „Amateurspione“ wurden sie genannt, russisch hießen sie Stukotschni, bzw. sekretnye informatii. Im Polnischen verwendete man das Kürzel TW = geheimer Mitarbeiter bzw. Kandydat na TW. In Rumänien hießen solche Menschen schlicht Surcat = Quelle.

In den 1950er Jahren wurde der Begriff „Agenturen“ verwendet, woraus die Bezeichnung AM= Agenturische Mitarbeiter für inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums für Nationale Verteidigung der DDR (MfNV) entstand. Man bezeichnete die AM auch als Militärspitzel. Diese wurden nicht vom MfS geführt, sondern vom Geheimdienst des Militärs.

Am Rande sei erwähnt, dass es für das Kürzel IM auch ganz andere Bedeutungen gibt, etwa im Schachsport als Internationaler Meister, im kirchlichen Bereich in Ost-Berlin die Innere Mission und im Segelsport das International Measure System. Gelegentlich liest man, um wieder auf das MfS zurückzukommen, von „Informellen Mitarbeitern“, was aber im MfS nicht gebräuchlich war.

Richtlinien

Das MfS legte seiner Arbeit mit IM mehrere Richtlinien (RL) zugrunde.

Wichtige Festlegungen gab es von Anfang an, etwa in der Rl 21/50, später in der RL 2/79.

Unter dem Operationsgbiet (OG) war vor allem die BR Deutschland zu verstehen.

Im SED-Deutsch wurde von West-Berlin und dem Bundesgebiet gesprochen.

So, als hätte man den Viermächtestatus von Berlin ernst genommen.

Aktenarten

Das MfS wurde von Anfang an nach sowjetischen Prinzipien ausgerichtet.

Als Personal wurden Anleiter und Berater eingesetzt.

Im Russischen sprach man von „dela agentura“ (litschnye dela, rabotschije dela),

was für das MfS die Unterteilung von

P-Akte = Personalakte, später I-Akte,

A-Akte (Arbeitsakte), später (II-Akte))

und III-Akte für Quittungen bedeutete.

Entwicklung

In den Jahren 1950 bis 1953 war fast das gesamte IM-Netz betriebsbezogen, d.h. fast jeder Betrieb hatte in Person eines IM (damals GI und GM) sozusagen eine eigene OD (Objektdienststelle). Nach dem 17. Juni 1953 stieg die Anzahl der IM rasant an auf etwa 27.000. Nach dem Mauerbau 1961 stieg die Zahl auf auf etwa 90.000. 1978 hatte man 190.000 IM, und 1989 war die Anzahl mit 173.000 wieder etwas niedriger. Möglicherweise bezieht sich diese Zahl aber nur auf die „Abwehr-Diensteinheiten“.
Im Zeitraum 1966 bis 1977 ist ein extremer Anstieg zu konstatieren. Der Grund war Panik wegen der „Entspannungspolitik“. Es war eine Umorientierung von Quantität zu Qualität festzustellen.

2. Ostarbeit


IM-Kategorien (Ost = „Abwehr“-Diensteinheiten)

Insgesamt kann man wohl von 40 verschiedenen IM-Kategorien ausgehen. Über die Jahre gab es mehrere Umbenennungen.

Die häufigste Kategorie war der IMS, wobei das S für Sicherheit steht. Im Volksmund wurden diese Menschen als „Wald- und Wiesen-Spitzel“ oder „Barfuß-IM“ (nur mit Fotoapparat und Stift ausgestattet) bezeichnet.

In den fünfziger Jahren kannte man den GI und den GM. Der GI entspricht dem späteren IMS. Der GM wurde 1968 zu IMF und IMV, dann 1979 zu IMB. Solche Spitzel waren auf konkrete Personen angesetzt („mit Feindberührung“). Im Dezember 1988 gab es etwa 3.900 IMB (3,3 %).

Die IMB bildeten die Denunzianten-Elite. Der spätere IMV „Otto Müller“ der KD Freiberg wurde beispielsweise zum IMB. Der Anteil der IM an der Gesamtbevölkerung war in den Bezirken unterschiedlich. In der Bezirksverwaltung Karl-Marx-Stadt (BV K) betrug er 8,3 %, in der BV Neubrandenburg hingegen nur 1,2 %. In der BV Halle gab es 124 IMB unter insgesamt 11.425 IM. Die IMB-Anteile können als Indikatoren für Krisensituationen angesehen werden.

Die größte relative Anzahl von IMB gab es im Bezirk Cottbus, wo die Führungsoffiziere auch die meisten IM führten (1:16 in Cottbus, vgl. 1:12). Die Zahl der IMB war für die HA XX/9 und die ZKG fast gleich, d. h., für das MfS waren Oppositionelle (siehe „PUT” = Politische Untergrundtätigkeit) und Ausreisewillige gleichermaßen problematisch. Dies stützt die These, dass beide Phänomene für den Zusammenbruch der SED-Herrschaft eine Art kritische Masse bildeten.

IMK/S waren lokale Beobachter, IME (früher GME) wurden wegen beruflicher Spezialkenntnisse genutzt, sogenannte Experten-IM machten 6–8 % aus.

FIM waren Führungs-IM und HIM waren hauptberufliche Stasi-Mitarbeiter in einem Scheinarbeitsverhältnis. Eine gewisse Ähnlichkeit gab es mit den OibE (Offizieren im besonderen Einsatz).

Zu nennen sind außerdem die GMS (Gesellschaftliche Mitarbeiter für die Sicherheit). Wichtige Kader wurden GMS, von denen es etwa 33.000 gab.

Kontrolle über das Schulsystem

Ein Beispiel ist der Schulbereich: Der Direktor war als staatlicher Funktionär ohnehin ein GMS, sein Stellvertreter ebenfalls. Schuldirektor wurde nur, wer der SED treu ergeben war oder zu sein schien. Meist, aber nicht immer, hatten die GMS einen Decknamen. Ein typisches Statement eines GMS in einer Schule lautet: „Hiermit erkläre ich mich bereit, das MfS in seiner Arbeit zu unterstützen. Meine Bereitschaft ist freiwillig. Ich verpflichte mich, darauf zu achten, dass niemand in keiner Weise über die Zusammenarbeit Kenntnis erlangt … Als Decknamen wähle ich …”

Es scheint irgendwie seltsam, dass solche Leute als SED-Genossen ohnehin nur bei Ihresgleichen Vertrauen beanspruchen konnten.

IKP und ZI sind in der IM-Statistik nicht enthalten, ihre Anzahl ist unklar.

Besonderheiten

Der Begriff „IM” wurde nur im Maskulinum verwendet („der weibliche IM”). Im Militär gab es den WIM (Wehrpflichtigen-IM) und den ZIM (ziviler IM). Es gab eine Kategorie von IM namens OHM, die jedoch noch nicht eingeordnet werden konnte.

Ein spezielles Phänomen sind fiktive IM (Anteil: 0,2 % = 20 Personen) und Schein-IM. Solche Leute gab es beim Führungsoffizier Werner Schönfelder: Jürgen Karney, Thomas Lück und Regina Thoss.

Irreguläre IM waren Personen, die ohne ihr Wissen als IM geführt wurden. Es gab also Personen, die mit Klarnamen als IM geführt wurden, aber keine waren.

Bemerkenswert ist außerdem, dass es in der Bezirksverwaltung (BV) Cottbus doppelt so viele IM gab wie in der BV Halle, obwohl die BV Halle doppelt so groß war wie die BV Cottbus.

Der Begriff „positive Erfassung” bedeutete in der Regel, dass es sich um einen IM des MfS handelte. Der Begriff „operative Potenz“ ist selbsterklärend.

Berichte wurden von den „operativen Mitarbeitern” geschrieben, nicht von ihren IM. Oft bespitzelten IM andere IM (manchmal für denselben Führungsoffizier, häufig aber auch für eine andere Diensteinheit). So firmierte etwa der IM „Brunnen” als erklärter Feind der DDR. Dies schien der Konspiration zwischen den Diensteinheiten geschuldet zu sein.

Beispiel

IM "Brunnen"

Erst Jahre nach dem Fall der Mauer wurde bekannt, dass Hilliger, „der schnellste Porträtzeichner der Welt“, als „IMB Brunnen“ für die Stasi gearbeitet haben soll. Ein IMB ist ein „IM mit Feindberührung“, oder – wie es der Direktor der Stasi-Unterlagenbehörde (BSTU) und spätere BND-Präsident Hansjörg Geiger einmal formulierte, eine „Perle“ der ostdeutschen Staatssicherheit.

mehr bei Stefan Appelius

http://www.appelius.de/_doppeltes_spiel_des_schnellen_zeichners.html

IM erstellten gelegentlich phantastische Berichte, um sich „lieb Kind“ zu machen. Insbesondere wenn die Zielperson im Westen lebte, wurden mitunter abenteuerliche Geschichten erfunden. Der IM „Günter Frank“ der HA XXII ist ein (böses) Beispiel hierfür.

Die Honorare für IM waren in der DDR meist gering, nur im Ausnahmefall hoch. Mehr Geld floss beispielsweise im Falle von Verrat gegen Familienangehörige, wie im Fall „Otto Müller“ der KD Freiberg.

Neben dem MfS und dem „Bereich Koordinierung“ bzw. der „Verwaltung Aufklärung“ (Armee-Nachrichtendienst) hatte die GRU (Geheimdienst des sowjetischen Militärs) 850 Helfer in der DDR. Beim KGB geht man von mehr als 1.000 Helfern in der DDR aus, beispielsweise im MfS (zum einen Rainer Wiegand von HA II und zum anderen Willy Koch von HA XVIII).

Motive

In der Regel ging die Anwerbung von IM durch das MfS vonstatten, nur in etwa fünf Prozent aller Fälle erfolgte sie auf Eigeninitiative. In mehr als 33 % der Fälle war ein ideelles Motiv für die Zusage ausschlaggebend. Ein gutes Beispiel dafür ist IMB „Sylvia“ der Linie XX/7 („Literatur“). In etwa der Hälfte der Fälle geschah die Zusage und Verpflichtung, weil die anzuwerbende Person sich nicht traute, „Nein“ zu sagen.

Seit 1956 sind keine Strafmaßnahmen wegen einer Weigerung bekannt. Es gab sogar Fälle, in denen jemand seine „Zielperson“ vor anderen IM geschützt hat.

So berichtete eine Frau, dass ihr Bruder bei der Anwerbung angab, dass ihn und das MfS Welten trennten, sie kaum auf einen gemeinsamen Standpunkt kommen würden und er dennoch bereit sei, Informationen an das MfS zu liefern.

Manche IM haben nicht alles berichtet, was der Führungsoffizier gewünscht hat, und haben ihm dies verschwiegen. Solche kleinen Akte der Verweigerung dienten der inneren Hygiene. Er, der Angeworbene, will nicht derjenige sein, der andere verpfeift, anschwärzt oder in die Pfanne haut. Er sieht sich nicht als Verräter. Da kein IM wissen konnte, was die Stasi mit seinen Informationen anstellt, sind solche Begründungen letztlich nur Schall und Rauch. Typisch ist auch folgender Fall: Einmal wehrt er sich, als die Offiziere eine schriftliche Verpflichtung verlangen, die er ablehnt. Sie lassen jedoch nicht locker, bedrängen ihn und appellieren an sein Pflichtgefühl. Schließlich unterschreibt er eine Schweigeverpflichtung. Dies ist ein Kompromiss, mit dem er leben kann.

Sonderfall: Lügner und Verleumder

Zum Thema Motivlage gehört die grobe Unterscheidung zwischen IM, die ausschließlich Tatsachen verraten haben, und solchen, die ihre „Zielpersonen“ darüber hinaus verleumdet haben. IM „Günter Frank“ (HA XXII) war solch ein Mensch. So konnte er sich wichtig machen und zusätzlich Geld verdienen. Doch auch IM der ersten Art (ausschließlich Informationsgeber) konnten nicht wissen, wie ihre Informationen verwendet werden.

Ein besonders bösartiges Beispiel ist IM „Otto Müller“, der sogar Familienangehörige durch Fehlinformationen „in die Pfanne gehauen“ hat. Dafür wurde er sogar prämiert. In den Anforderungen an einen IM wird „Ehrlichkeit“ hervorgehoben. „Der IM wird zur Ehrlichkeit ermahnt, weil er doch Christ ist.“

Im Falle des Ingenieurs Peter Aust stellte das MfS dagegen fest: „Für eine inoffizielle Arbeit ist er auf Grund seines unaufrichtigen Verhaltens nicht geeignet.“ Das MfS hatte eine eigene Definition des Begriffs „ehrlich“: Das Gegenteil dessen, was man außerhalb dieses Dienstes darunter verstand.

IM "Günter Frank"
IM „Günter Frank“
Pressemitteilung zu Bischof Demke
Zeitungsartikel in Bild
IM "Dr. Lutter"
Ein Buch über den Doppelagenten IM „Dr. Lutter“

Jugendliche als IM (Alter unter 18 Jahre)

Im Vorfeld des Militärdienstes wurden etwa 1.300 Jugendliche (meist 16 oder 17 Jahre alt) als IM angeworben. Der jüngste bekannte IM war 11 Jahre alt. Der Hausmeister hatte den Jungen dabei erwischt, wie er das Klassenbuch entwendete. Der Junge berichtete im Übrigen nichts. Der Elfjährige wollte einfach nicht petzen. So dekonspirierte er sich gegenüber seinen Eltern. IM waren nicht zwangsläufig Täter, sagte Joachim Gauck.

Der Jugendpfarrer Rudi Pahnke war Opfer eines fünfzehnjährigen IM.

Die Anwerbung von Jugendlichen war Gegenstand von Diplomarbeiten der Stasi-Hochschule (JHS). Leutnant Reiner Kelling von der KD Bad Doberan diplomierte im März 1972 mit dem Thema „Die Gewinnung von Jugendlichen im Alter von 14–18 Jahren für die inoffizielle Zusammenarbeit durch Diensteinheiten des MfS”.

In den 1980er Jahren ließ die Werbung von Jugendlichen nach.

1989 waren sechs Prozent der Angeworbenen Jugendliche wie Peter Heubach. Auffällig ist, dass die Stasi bei den Funkamateuren der GST (eine vormilitärische Organisation) besonders erfolgreich war. In der neunten Klasse (15-Jährige) wurde den Schülern zur Bewertung folgende Aussage vorgelegt: „Der Bundeswehrsoldat ist mein Feind, deswegen hasse ich ihn.“ Dies kommentiert sich selbst.

Frauen als IM

Etwa 17 % (10–18 %) der IM waren Frauen. Dieser Anteil entspricht dem historischen und internationalen Durchschnitt von 10 %. Unter den im Westen eingesetzten Stasi-IM war der Frauenanteil mit 28 % höher.

In vielen Fällen waren weibliche IM Ehepartner oder sonstige Verwandte von Männern im MfS. Bemerkenswert sind die überlieferten Formulierungen des MfS in Bezug auf Frauen in ihren Reihen. So sprach man etwa vom „Ansetzen einer IM“ (an die „Zielperson“). Ein Führungsoffizier sagte gegenüber einem heutigen Wissenschaftler:

Männer kann man abrichten wie einen Schäferhund. Frauen sind wie Katzen – nichts zu machen.

Außerdem wurde die Bereitstellung von 300 Mark für „operative Garderobe“ erwähnt. Zusätzlich sei bei weiblichen geheimen Mitarbeitern an Süßwaren zu denken.

Hierzu verweise ich weiterhin auf meinen Vortrag „Frauen im Geheimdienst“.

Zersetzung (Ost)


Erpressung infolge einer Zersetzungsoperation. Eine „Hetzschrift“ wird vom MfS selbst gefertigt, dem Anzuwerbenden untergeschoben und dann „gefunden“. In den Haftanstalten war es für das MfS ein Leichtes, Verdacht gegen Gefangene zu streuen.

Ich verweise auf die Beispielsammlung in meinem Vortrag über die „Operation Zersetzung„.

Berufsgruppen

In der DDR gab es etwa 40.000 Ärzte, von denen 3 % als IM registriert waren.

Mit 6 % hatten Lehrer im Durchschnitt einen doppelt so hohen Anteil. In Ostberlin beispielsweise hatten von 16.700 Lehrpersonen 450 Personen (ca. 3 %) IM-Status.

Unter den Professoren waren 10 % als IM registriert, unter den Studenten 3 %.

Bei Polizisten waren es 22 %. Hierbei ist die Anzahl der KGB-Verpflichtungen nicht berücksichtigt.

NVA-Offiziere waren zu 25 % als IM geführt, Fernmeldetechniker zu mehr als 50 %.

Ausbildungsprofil

Der Anteil von Akademikern wird auf zehn Prozent geschätzt, ein Prozent der IM hatte einen Doktortitel.

40 % der IM hatten acht oder weniger Jahre die Schule besucht, darunter viele IMK mit niedrigem intellektuellen Stand.

Als Beispiel sei die KD Brandenburg genannt. Von 600 IM hatten etwa 200 maximal die achte Klasse der POS besucht.

Vom IM zum HM (Hauptamtlicher Mitarbeiter)

Der IM-Status war vielfach eine Karrierestation. Diese nutzten „Hauptamtliche“ und wurden hauptberufliche MfS-Mitarbeiter.

Beispiele:

  • Roland Bauer (KD Berlin-Köpenick)
  • Gerhard Behnke (Oberst, HVA)
  • Gert Bethmann
  • Ralf-Peter Devaux (Oberst, HVA)
  • Harr Ebert (HA III)
  • Petra Gauer (Abt. XI)
  • Dr. Winfried Grandel
  • Ingolf Hähnel
  • Günter Halle (Abt. Agitation, ZAIG)
  • Harald Klug
  • Uwe Köhler (Abt. XI)
  • Klaus-Dieter Lechowski
  • Steffen Lippold (KD Jena)
  • Horst Männchen (General HA III)
  • Wolfram Meinel (Oberst)
  • Michael Schlabitz (HVA)
  • Wolf-Peter Schmidt (HVA)
  • Klaus-Peter Schoch
  • Dr. Werner Teske (HVA)

Parteimitgliedschaft

Etwa 50 % der IMS, also der „Wald- und Wiesen-Spitzel“, waren SED-Mitglieder. IMB („Spitzel-Elite“) waren dagegen so gut wie nie Mitglied der SED.

IMK/KW (z. B. Inhaber konspirativer Wohnungen) und FIM (Führungs-IM) waren dagegen fast immer SED-Mitglieder.

In den Blockparteien (CDU, NDPD, LDPD und Bauernpartei) gab es 15.000 IM, in den Kreisdienststellen waren es 15 %.

Wälzungsraten


Für die 1980er Jahre wird eine Wälzungsrate (also Fluktuation) von 10% geschätzt. Seit 1975 erfolgte jährlich eine „Revision des IM-Bestandes“.


Territoriale Abstufung

Das durchschnittliche Verhältnis von IM der „Abwehr-Diensteinheiten“ zur Bevölkerung der DDR von 1:100 lässt die These zu, dass eine flächendeckende Überwachung stattfand. Gleichwohl gibt es regionale Unterschiede, auch innerhalb der Bezirke selbst. Selbstverständlich war eine totale Überwachung nicht möglich. Aber der Anschein reichte aus, um eine einschüchternde Wirkung zu erzielen.

Mehr als 50 % der IM waren in den Kreisdienststellen registriert, also mehr als in der Zentrale in Berlin und den Bezirksverwaltungen zusammen.

Im Jahr 1988 kam statistisch gesehen ein IM auf 120 Einwohner, wobei die Zahl der IM pro Führungsoffizier bei 9 lag.

Bezirklich gab es große Unterschiede: So betrug das Verhältnis in Cottbus 1:84, in Leipzig 1:163 und in Halle 1:161.

Als Beispiel sei die KD Freiberg in der BV Karl-Marx-Stadt genannt (für die 1970er Jahre).

Ein Führungsoffizier steuerte neun IM. Von den 245 IM waren 219 IMS, 11 IMB, 8 FIM, 2 HIM und 5 IME (sowie 93 IMK).

Führungs-Diensteinheiten

Insgesamt gab es 1989 13.000 IM-führende Mitarbeiter des MfS, außerdem 15.000 IKM (inoffizielle kriminalpolizeiliche Mitarbeiter) im MdI (Ministerium des Innern).

In den Kreisdienststellen des MfS führte ein Offizier durchschnittlich 13 IM, in der Bezirksverwaltung waren es 9 und in der Zentrale 3 bis 5.

Die relativ geringe Anzahl für die Zentrale kommt als besondere Qualität der Zahl zum Ausdruck.

Insgesamt konnte das IM-Netz in der DDR als überaltert gelten.


Abschaffung von Staatsbürgerkunde in Berlin geplant

Diktatur erkennen, verstehen und erklären

Dieser Vortrag lädt Sie ein, die komplexe Rolle der Inoffiziellen Mitarbeiter zu erkennen und ihre Auswirkungen auf die Menschen in der DDR und der Bundesrepublik zu verstehen. Entdecken Sie, wie notwendig die Weitergabe dieses Wissens an die junge Generation ist und wie Sie sich weiter informieren und beteiligen können.

3. Westarbeit

Die Linie XV

Als „Linie XV” wurden die Untereinheiten der HVA in der DDR bezeichnet. In jeder Bezirksverwaltung des MfS gab es die Abteilung XV (Spionage), in den Kreisdienststellen gab es den „Offizier für Aufklärung“.

Zersetzung (West)

In meinem Vortrag „Operation Zersetzung sind Beispiele für Zersetzungsmaßnahmen des MfS im Westen dokumentiert.

Gegen ehemalige Häftlinge wurden ähnliche Methoden der Zersetzung angewendet wie gegen Personen, die zum Zeitpunkt der Operation in der DDR lebten.

Akteure der Westarbeit

Die geheimdienstliche Westarbeit wurde von folgenden Institutionen geleistet:

  • HV A des MfS,
  • Diensteinheiten der „Abwehr“, z. B. HA XX/5 oder ZKG/5,
  • Bereich Aufklärung (Armee-Geheimdienst).

Minister Mielke stellte fest: „IM sind die wichtigsten Waffen im Operationsgebiet“ (vor allem in der Bundesrepublik).

Etwa 25 % der West-IM lebten in Berlin (West). 39 % von ihnen waren in Wissenschaft und Technik tätig, 20 % in politischen Bereichen und 19 % in der Verwaltung.

Unter den mindestens 3000 IM dürften die 449 Objektquellen besonders ergiebig gewesen sein.

In vielen Fällen wurden Sekretärinnen, der Mittelbau von Universitäten, NPD-Mitglieder und Mitarbeiter in Notaufnahmelagern angesprochen.

Die HVA

Eigentlich ist die Bezeichnung HV A, also Hauptverwaltung A. Sowohl in der Stasi als auch in der Öffentlichkeit wurde daraus „Hauptverwaltung Aufklärung“. Die Bezeichnung „Hauptverwaltung“ stammt aus der Anfangszeit und ist an sowjetische Strukturbezeichnungen angelehnt. In Abgrenzung zur HV A gab es in der Anfangszeit eine HV B, die „Hauptverwaltung Bewirtschaftung“ hieß.

Nach General Wolf, einem der Leiter der HVA, leistete diese einen „Beitrag zur Gewährung der inneren Sicherheit der DDR“.

Die HVA unterhielt ein Netz im „Operationsgebiet“ (OG) und ein Unterstützungsnetz in der DDR. Die Zahl dieser HVA-IM, die in der DDR wirkten, beträgt ca. 13.400.

Die Zahl der HVA-IM im OG beträgt ca. 1.500 („Bundesbürger“). Auch die Zahl der „Abwehr-IM” im OG ist größer als 1.000, sodass es insgesamt etwa 15.000 IM der HVA gab.

Das IM-Netz der HVA speiste sich zu ca. 20 % aus dem „Abwehrbereich“.

Eine Analyse der verurteilten IM zeigt die Anteile an den entsprechenden Diensteinheiten: HVA: 50 %, Abwehr-DE: 42 %, Bereich Aufklärung (MfNV): 8 %.

Einer der bekanntesten IM im Westen war der „Kanzleramtsspion“ Guillaume. Eine Bewertung seiner Spionagetätigkeit mit einer Zensur 1 oder 2 hat er von der HVA nie bekommen, er galt als „höchstens Mittelmaß“. Wurde er „verbrannt“, um IM „Max“ zu schützen?

IM-Kategorien der HVA-Akten

Oftmals hießen die IM der HVA „Quelle“ und hatten keinen Decknamen.

Die IM- und Aktenkategorien waren teilweise anders als bei Abwehr-Diensteinheiten, unabhängig davon, ob sie sich in Ost- oder Westdeutschland befanden.

So gab es beispielsweise die Bezeichnungen „Werber“, „Resident“, „Instrukteur“, „Kurier“, „Ermittler“ und „Funker“.

IMB stand in der HVA für IM-Akte B, d. h. sonstige IM wie DA, DT und KW.

IMA stand für IM mit Arbeitsakte.

Im HVA-Handbuch Nr. 1413 ist vom „Agenturischen Grundwissen des Inoffiziellen Mitarbeiters“ die Rede. In diesem Zusammenhang sei an die Bezeichnung „AM” für „Agenturische Mitarbeiter” des MfNV erinnert. Diese gab es im Übrigen nicht in der DDR, sondern ausschließlich im Westen.

In den Beständen der Abwehr-Diensteinheiten sind auch HVA-Akten enthalten. Die HVA hatte eine eigene Registratur, die von der Abteilung XII des MfS getrennt existierte. Dies hat eine sehr negative Konsequenz für die Aufarbeitung.

Arbeitslinien

Die Arbeitslinien der HVA waren Spionage, aktive Maßnahmen, Überwachung und Embargobruch.

„Aktive Maßnahmen” umfasste Fälschung, Desinformation und Zersetzung. Dafür gab es eine spezielle Diensteinheit, nämlich die HVA/10.

Zur Unterstützung der Abwehr-Diensteinheiten wurden beide HVA-Netze aktiv. Überwachung war für alle Diensteinheiten eine Pflichtaufgabe.

„Embargobruch” bedeutete, dass die HVA Geräte und Materialien besorgte, deren Ausfuhr in den Osten verboten war. In diesem Zusammenhang wurden Kriminelle aus Österreich und der Bundesrepublik wie Richard („Moneten“) Müller bekannt. Es kam vor, dass die CIA einen Computer mit Sand füllte, was jedoch erst beim Endabnehmer in der DDR bemerkt wurde. In einem anderen Fall wurde in einen Mikrochip in russischer Sprache etwa das folgende implantiert: „Ihr sollt nicht klauen, sondern selbst entwickeln.“

Einsatz in Parteien

Hier sind Parteien der Bundesrepublik aufgelistet, sortiert nach dem Anteil der Aktivitäten durch die HVA.

  • 42% = SPD
  • 25% = CDU
  • 10% = REP und NPD
  • 7% = DKP
  • 6% = FDP
  • 5% = Grüne
  • 3% = SEW
  • 2% = DFU

4. Decknamen

Psychologisches

Die Wahl des Decknamens war einerseits ein Akt der Selbstbestimmung, andererseits aber auch ein Akt der Abhängigkeit. In der Regel wählte der IM seinen Decknamen selbst. Diese Codierung war für IM weitgehend ideologiefrei, ganz anders als bei OPK/OV. Ein Deckname wie „Judas” war übrigens nicht erlaubt.

Es gab auch Fälle von gegengeschlechtlichen Decknamen. In seltenen Fällen legte sich eine Frau einen männlichen Decknamen zu.

Beispiele:

  • IM „Andrè“ = Andrea H.
  • IM „Bär“ = Edeltraud B.
  • IM „Ernst Berger“ = Susanne A.
  • IM „Beate“ = Michael A. (Spitzel in Strafvollzug Cottbus und Bautzen)
  • IM „Christa“ = Klaus F. (SEW)
  • IM „Erich“ = Erika S.
  • IMK „Helmut“ = Elisabeth L.
  • IM „Maria“ = Günter D.
  • IM „Petra Kaminski“ = Jan T.
  • IM „Martha“ = Alfred S.
  • IM „Manuela“ = Herbert B.
  • IM „Monika“ = Axel H.
  • IM „Moritz“ = Marita C.
  • IM „Oberhof“ = Gerhard H.
  • IM „Annelies Olbricht“ = Günter M.
  • IM „Peter“ = Anne-Maria R., auch GM „Peter“
  • IM „Bernd Rose“ = Ina R.
  • IM „Jörg Sander“ = Ines F.
  • GMS „Siggi“ = Helga G.
  • IM „Sigrid“ = Heinz G.
  • IM „Toni“ = Hella M.
  • IM „Walter“ = Edith K.

Assoziationen

Bemerkenswert war auch die assoziative Wahl von Decknamen.

„Sag`mir deinen Decknamen und ich sage dir…“ (Vor- und Familiennamen, Heimatort, Kose- und Spitznamen, eigener Beruf, westliche Pop-Sänger, Automarken…

Beispiele:

  • IM „Billard“ = Peter W. (Billardspieler)
  • IM „Brien“ = Horst M. (Zehnkämpfer, nach US-Sportler)
  • IM „Bronze“ = K. Glocke
  • IM „Messing“ = D. Kupfer
  • IM „Dunkel“ = R. Licht
  • IM „David“ = W. Klein
  • IM „Dienstag“ = G. Montag
  • IM „Fasching“ = R. Fosnacht
  • IM „Nora Frank“ = Anlehnung an Anne Frank
  • IM „Gisela Gehlert“ = Gabriele G. (nach dem General Gehlert)
  • IM „Heugens“ = Wohnadresse Huygensstraße
  • IM „Ossi“ = wohnhaft in Ossietzkystraße
  • IM „Alexander Prinz“ = K. Kaiser
  • GM „Radeberg“ = Werner H. (Trinker von Radeberger Bier)
  • IM „Stahl“ = Klaus H. (IHK-Angestellter)
  • IM „Waechter“ = von Beruf Nachtwächter
  • IM „Othello“ = an Staatsoper, ebenso IM „Carlos“ und IM „Oper“
  • IM „Faust“ = ein Germanist
  • IM „Heine“ = Schriftsteller Peter G.

Falsche Doktoren

Häufig verzichteten promovierte Personen auch im Decknamen nicht auf den Doktortitel. War es Narzismus oder ein Hinweis auf Erpressung?

Beispiele:

  • IM „Dr. Lutter“ = Dr. Götz Schlicht (Jurist)
  • IM „Dr. Gerber“ = Dr. Jörg Pohle“ (Chemiker)
  • IM „Dr. Walther“ = Dr. Hans Beutel (Arzt)


In manchen Fällen gaben sich Stasi- Hauptamtliche Decknamen mit Doktortitel, ohne promoviert zu sein (weder Zivil noch an JHS).

Beispiele:

  • „Dr. Peter Berger“ = OSL Wurm
  • „Dr. Werner“ = Generalleutnant M. Wolf


Hier sollen noch einige Besonderheiten, teilweise Kuriositäten für die Decknamen-Wahl herausgestellt werden.

Beispiele:

  • IM „Julia“ = Ehefrau von IM „Romeo“
  • IM „Schädlich“ = ohne Kommentar
  • IM „Lenz“ = Deckname = Name der „Zielperson“, z.B. IM „Gert Höhne“ gegen Gert Höhne
  • IM „Wilfried“ = Heiko K. (Vorname des Vaters)
  • IM „Ernst Winzer“ = Ernst S. (Vorname des Klarnamens)
  • IM „Wilhelm“ = Wilhelm K.
  • IM „Lothar S.“ = Lothar Sch.
  • IM „Gaby“ = Gaby D.
  • IM „Ullrich Fischer“ = Ullrich H.
  • IM „Ritter“ = Karl G. (Anklang an seinen Vater Karl Ritter)
  • IM „Rick Wakeman“ = Gunnar M. (nach Musiker der Gruppe YES)
  • IM „Mercedes“ = ein Autonarr, Besitzer eines Mercedes

… und weiteres Psychologisches

Die Möglichkeit, nicht die ganze Wahrheit berichten zu müssen und Banales zu entdecken, nutzte die Stasi als konstituierendes Moment. Hieraus erwuchs den Informanten ein trügerisches Gefühl der Selbstbehauptung. Hemmschwellen wurden abgebaut. „Die Berichte der IM waren ein Fall für die avancierte Hermeneutik“, urteilt ein Sprachwissenschaftler.

Die bekannten Fälle Schnur und Böhme entglitten der MfS-Führung und konnten nur durch ihre Enttarnung ausgeschaltet werden. Sowohl Schnur (CDU) als auch Böhme (SPD) hätten sich aus Sicht des MfS nicht in eine herausragende politische Stellung bringen dürfen.

Die Legende, dass IM „die Besten“ gewesen seien, die mit der Stasi „kungeln“ mussten, ist falsch. Sie waren eher durchschnittlich, geltungsbedürftig und gewissenlos.

Eine Vorstufe zur Verpflichtung als IM war die Schweigeverpflichtung. Die zu werbende Person erhielt eine IM-Vorlaufakte.

Erst wenn diese die Verpflichtungserklärung geschrieben bzw. unterschrieben hatten, kam die Vorlaufakte eines IM ins Zentralarchiv nach Berlin (Abt. XII).

Gelegentlich gab es einen formalen Widerspruch zur Geheimverpflichtung ziviler Art, etwa bei einem Betriebsleiter.

Nur 0,03 % der Anwerbungen wurden durch Druck realisiert.

Kirchliche Mitarbeiter mussten nicht immer eine Erklärung unterschreiben, oft genügte eine Verpflichtung per Handschlag.

Der bekannte Spion im Westen, Klaus Kuron, musste keine Verpflichtungserklärung unterschreiben. Dennoch funktionierte er auf schlimme Weise.

5. IM in Haftanstalten

ZI- und SG-IM

Zum Thema „Zelleninformatoren“ ist kürzlich eine Dissertation von Peter Keup (MRZ Cottbus) erschienen. ZI sind von Strafgefangenen-IM zu unterscheiden. Es handelte sich um Spitzel, die in Untersuchungshaft über ihre Mithäftlinge berichteten. Aus ZI wurden naheliegenderweise häufig SG-IM. Die Anwerbung von Gefangenen wurde in einer Richtlinie vom 23.04.1956 normiert.

Im Zuchthaus Brandenburg gab es fünf Prozent IM unter den Häftlingen. Im Jahr 1977 gab es in der Anstalt 67 IM, davon waren 33 Häftlinge. Die anderen IM waren Schließer. In Cottbus betrug der Anteil der IM unter den Häftlingen 3 %, in Hoheneck 9 %. Unter den Schließern betrug der Anteil von IM 10 %. Sie bespitzelten sich gegenseitig sowie die Offiziere im Strafvollzug. Mielke misstraute den Mitarbeitern des Strafvollzugs grundsätzlich.

IM in der Stasi-Untersuchungshaft, sogenannte ZI, wurden gelegentlich dadurch enttarnt, dass ihnen der Mithäftling in der Zelle eine Test-Info gab, die dann vom Vernehmer erfragt wurde. Eine ZI-Kartei ist nur von der Bezirksverwaltung Rostock überliefert. Aus Cottbus ist bekannt, dass eine Anwerbung für die Stasi besonders schwierig war. Einerseits waren die Gefangenen wegen des hohen Anteils politischer Häftlinge für das MfS besonders interessant, andererseits wurde gerade dort eine gefestigte Ablehnung des SED-Systems konstatiert. Es war besonders schwierig, unter diesen Menschen Perspektivagenten für den Westeinsatz zu finden und anzuwerben.

6. Nach 1989

Aktenvernichtung

Bei der Vernichtung ab Ende 1989 hatten IMB-Akten und Akten zu „nassen Sachen“ (Morde) oberste Priorität. Erstaunlich ist deshalb die vorhandene Akte zur Mordplanung gegen Rudi Thurow (Hammermord in Berlin-Zehlendorf).

IMB-Akten, die bereits archiviert wurden, sind davon ausgenommen. Im Falle der IMB „Sylvia“ der Linie XX/7 waren die meisten Akten noch vorhanden, da die Dame Anfang 1989 aus dem MfS ausgeschieden ist. Sie wurde aus dem MfS in Ungnade entlassen und erlitt den paradoxen Kollateralschaden.

Besonderheiten beim Aktenzugang für die Forschung

Hier werden Besonderheiten und meine Erfahrungen bei der Recherchearbeit in Sachen MfS aufgeführt.

Im Falle des IM „Borkmann“, eines ehemaligen Häftlings des Zuchthauses Brandenburg, versicherten die Führungsoffiziere, dass seine Akten vernichtet worden seien. Es gab, so schien es, nur eine reine Opferakte als Häftling. Bei genauerem Hinsehen erschien jedoch ein Teil der P-Akte in dieser Opferakte.

Im Falle des IM „Sylvia“ gab es in den von der Gauck-Behörde vorgelegten Opferakten der Zielperson keinerlei Hinweise, weder Klarnamen noch Decknamen. Erst Jahre später wurde ein großer Aktenbestand dieses IM gefunden, der die Zielperson betraf. Es ist also zu erwarten, dass noch weitere schwerwiegende Fälle von IM, insbesondere aus der Westarbeit, zu Tage treten.

Zum Schluss noch ein seltsames Paradoxon: die Steuerpflichtigkeit der Zusatzeinkommen nach der „Wende“.

Der Autor Bernd Lippmann

Der Autor des Vortrages und des Buches „Die Stasi, Orwell und Ich“ bei der Verleihung des Verdienstordens des Landes Berlin im Jahr 2025https://amzn.to/42YI4eS